Samstag, 30. Juni 2012

freiheit ist auch immer ...


wer fordert
freiheit
auch als
freiheit der
anders denkenden
meint
er denkt
gerade anders

dann kommt
der moment
dann denkt er
gleich

plötzlich
ist da die sorge
die anders
denkenden
könnten
die herrschend
denkenden sein

Mittwoch, 13. Juni 2012

Rezension


Noch in der DDR erschienen (1988) wird als Genrebezeichnung "Wissenschaftlich-phantastischer Roman" angegeben. Wer das Buch lesen will (es ist mitunter richtig spannend) vergesse das "wissenschaftlich". Entropie kommt vor, Raumschiffe ... aber schon wenn es um "Schwarze Löcher" geht, merkt man die schwarzen Löcher im wissenschaftlichen Wissen des Autors.
Ich weiß nicht, wann das Buch geschrieben wurde, aber es war schon ein Schreck, dass in einer Welt, in der die Menschen galaktische Sprünge vollbringen, Lochkarten als "elektronische Datenträger" auftauchen.
Wer den Niedergang der Sowjetunion verstehen will, kann es, wenn er die utopische Literatur zwischen 1950 und 1970 nimmt und dann dieses Buch.. Alle Visionen einer kommunistischen Menschengemeinschaft sind verkümmert, in Bürokratie vertrocknet. Was da an Beziehungen zu den "Kolonien" angedeutet wird, lässt mich freuen, dass ich diese Zukunft nicht miterleben muss. Nicht die Menschen sind die Helden, sondern eigentlich der Superman, der sich sein Team an Spezies baut.
Auf innere Logik soll das Ganze abklopfen wer will. Rein gefühlsmäßig greift der Autor Handlungsstränge, Situationen und Zusammenhänge so aus seine Fantasie, wie er sie gerade braucht.
Da darf dann schon einmal die Hüterin der Zeit vom Drachen entführt werden und unmögliche Dinge passieren eben. Der Covertext ist der Verdrehtheit der Ideen nicht gewachsen.
Schwer zu sagen, warum mich das Werk trotzdem in einen fesselnden Lesebann geschlagen hat. Blanke Neugierde, wie sich das alles auflöst, allein kann es nicht sein. Vielleicht "Wer Märchen liebt, kommt an diesem modernen nicht vorbei?" Und irgendwie ist es ja hübsch zu lesen, wie gleichzeitig das Mädchen, das noch geboren wird, in eine Raumsonde steigt, um in eine vorausgesagte Zeitspalte zu fallen, während dieses Mädchen mit anderem Namen als viele Generationen alte Hüterin der Zeit und Priesterstochter, die sie nicht ist,  den Mann heiratet und ihm hilft, der sie in der Zukunft gerettet hat und nicht weiß, woher er sie kennt.
Also verworren, hübsch, fantastisch, mythisch ... und absolut unsozialistisch, wenn auch "Eine Welt, in der sich die Vernunft ihrer Bestimmung bewußt geworden ist, ist heilig. Leb wohl."


Sonntag, 10. Juni 2012

Tierisches (2)


Der Kanarienvogel
   
Der kunde ists für den er singt
am kunstbaum auf und nieder springt
zumindest aus des händlers warte
in dessen lebendviehzeugsparte
der vogel wollt mit seinen weisen
als männlich sich den weibchen preisen
viel leiser wird’s als umgewandelt
er in den preis der ausgehandelt
der letzte große ausverkauf
beendet dieses ladens lauf
dem händler reicht nun – piep sei dank –
das geld zur disc voll vogelsang

(aus: Slov ant Gali: "Worträume")

Freitag, 8. Juni 2012

Tierisches


unter fröschen

so grau war der frosch
und um ihn herum
strahlten nur schöne grüne
und er suchte morast
als versteck für sich
und als sängers verborgene bühne
so blind war die fröschin
und er sang so schön
quak
und die mücken sie tanzten
und zu end war der tag
als sie rief
oh ich seh ungelogen
wahre farben und deshalb liebe ich dich
du gleichst einem regenbogen
der mich wie ich hoff auch morgen begrüßt
also hat er ihr mücken
in schmackhaften stücken
auf die zärtliche zunge geküsst
als dann kaulquappen schwammen
so viel leben vom laich
da war es so weit zu sehen
es gab nicht nur grüne frösche am teich
das ist doch wohl leicht zu verstehen

(aus Slov ant Gali: "worträume")

Mittwoch, 6. Juni 2012

Einladung


Einladung …
schenk mir ein kilo hoffnungsduft
und ein pfund vom schrei vor entzuecken
zweihundert gramm ichweisßnichtmehrwas
und ein ganzes stueck nichtmehrdruecken
ja am besten das aus der freude geschaelte
ohne enttaeuschungsknochen
und ohne die sehnen vom alltagsstress
die werden nicht weich beim kochen

putz neidlosmoehren stueck fuer stueck
puhl langfleißerbsen ganz junge
zig jugendschoten schwimmen im topf
die brennen so heiß auf der zunge

nimm mir den ersten teller ab
du kriegst den allergroeßten
erst der einhundertfuenfundzwanzigste gast
muss sich mit bruehe troesten

(aus Slov ant Gali: "worträume)

Montag, 4. Juni 2012

Über Dichter


Slov ant Gali: Windflüchter

In einem alten Fischerboot trafen sich zwei Dichter, um sich an einem gemeinsamen Nachmittag versonnen von den Erlebnissen eines quälenden zurückliegenden Jahres zu erholen. Sie hatten die Paddel auf den Bootsboden gelegt und gaben sich schweigend dem Blick auf den Strandabschnitt hinter ihnen hin. Welch menschlich tiefe Metapher, dachte der eine: Bedrängt von feindlichen Lebensstürmen wird unser Leben gebeugt, wendet sich ab von der peitschenden Übermacht der feindlichen Kräfte. Jeder Tag könnte der letzte sein, an dem es uns bricht. Und doch: Was sollen wir tun? Gerade an dieser so wenig geeigneten Stelle haben wir Wurzeln geschlagen, bevor wir es bedenken konnten und müssen unser Wachstum dem Wind abtrotzen. Gramgebeugt werden wir alt, doch das Wissen, dass über uns die Sonne Licht verstreut, strecken wir ihr unsere hungrigen Blätter entgegen in Wind und Kälte und Regengepeitsche wie in den Pausen, in denen wir mit dem eingeschlafenen Meer zusammen lachen, das wir doch lieben, obwohl wir uns von ihm abwenden müssen. Wie schön, denkt der zweite: Noch in solcher Ferne zeichnen die Risse in der Rinde Muster, riecht man die salzige Luft, die diesem Baum seine waldfremde Form gegeben hat. Das Grün ist anders von Blatt zu Blatt und doch so frisch, weil nur kräftige Zweige sich dem Singen der Sommerregen entziehen konnten. Verkrüppelt und stark zugleich. So sehen die beiden Dichter denselben Baum und doch einen anderen und ihre Gedanken beginnen die Farbpalette der Worte zu mischen und Gedichte zu malen, die klingen werden, als wären sie in verschiedene Welten gereist. Ein Baum ist es gewesen und zwei Lyrikbände füllten sich in schweigender Stunde. So verschieden die beiden sind, so sind sie doch wahr.